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Krankschreibung per WhatsApp: Zukunftsmusik oder Wunschkonzert?

Krankschreibung per WhatsApp: Zukunftsmusik oder Wunschkonzert?
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Inhalt:
  1. Was genau steckt hinter der Krankmeldung per WhatsApp?
    1. Der Geschäftsführer und seine Idee
  2. Wer kann den Service von AU-Schein.de nutzen?
  3. Wie bekommst du eine Krankmeldung per WhatsApp?
  4. Ist die AU per WhatsApp überhaupt erlaubt?
  5. Das Geschäftsmodell in der Kritik
    1. Stellt der Arzt die Diagnose oder der Patient selbst?
  6. Empfehlung: Ist die Krankmeldung via WhatsApp sinnvoll?

In Zukunft gehören volle Wartezimmer beim Arzt und das ewige Warten für eine Krankmeldung bei einer Erkältung wohl der Vergangenheit an. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) bequem vom Krankenbett beantragen, ohne tatsächlich bei einem Mediziner vorstellig zu werden. So sieht wohl die zukünftige Beschaffung einer Krankschreibung aus. Zumindest, wenn sich die Geschäftsidee des Startups „AU-Schein.de“ in Hamburg durchsetzt. Und wenn man dem Geschäftsmodell des Jungunternehmens Glauben schenken mag: Das Startup ermöglicht die Krankschreibung per WhatsApp. 

Ist das wirklich erlaubt? Wie funktioniert die Krankschreibung per Handy? Gibt es Einschränkungen und Bedingungen oder ist ein Arztbesuch bald vollkommen überflüssig? 

Was genau steckt hinter der Krankmeldung per WhatsApp?

Seit Dezember des vergangenen Jahres bietet das Unternehmen „AU-Schein.de“ erkälteten Patienten die Krankschreibung per WhatsApp an. So einfach war Blaumachen noch nie, oder? Das zumindest wird sich sicherlich der ein oder andere denken. Aber laut Geschäftsführer Dr. Can Ansay, verschaffe sein Service-Dienst Erkrankten und Ärzten Erleichterung; langes Sitzen im Wartezimmer fällt weg und auch die Ansteckungsgefahr sinke dadurch. 

Der Geschäftsführer und seine Idee

Bei dem Geschäftsführer von AU-Schein.de handelt es sich nicht um einen Mediziner, sondern um einen Rechtsanwalt, der sich für sein Geschäftsmodell seit dessen Veröffentlichung rechtfertigen muss. Die Versuchung zum Blaumachen, der Datenschutz, die Abwicklung des Dienstes über amerikanische Server und keine richtige Untersuchung von einem medizinischen Spezialisten: Für die Ärztekammer genug Gründe, um von der Krankschreibung per WhatsApp abzuraten. 

Aber wie erhältst du die Krankmeldung des Telemedizin-Startups? Welche Krankheiten werden per WhatsApp festgestellt und diagnostiziert? Und wie ist dieser Service aus Sicht des Unternehmens zu rechtfertigen?

Wer kann den Service von AU-Schein.de nutzen?

Du kannst dir eine Krankschreibung per WhatsApp holen, wenn du unter Erkältungssymptomen leidest. Denn, bisher gibt es das Angebot der Krankschreibung per Mausklick nur für Patienten mit einer Erkältung. Diese Erkrankung sei für Telemedizin optimal, so die Geschäftsleitung von AU-Schein.de, da Erkältungen in der Regel ungefährlich sind und häufig deshalb kein Arzt aufgesucht wird, außer bei Komplikationen oder eben für eine Krankschreibung. 

Meist ist eine Erkältung auch ohne direkten Kontakt für einen Mediziner festzustellen, so zumindest die Ansicht des Unternehmers.Erkrankte können oft selbst sehr gut einschätzen, ob es sich um eine Erkältung handelt oder etwas Ernsthaftes dahinter steckt. 

Wie bekommst du eine Krankmeldung per WhatsApp?

Für die Krankschreibung musst du zunächst ein Formular im Internet ausfüllen, in dem die typischen Erkältungssymptome abgefragt werden. Dieser bequeme Service ist jedoch nicht kostenlos, immerhin musst du dafür neun Euro hinblättern. Insgesamt darf die WhatsApp-Krankschreibung nur zwei Mal pro Jahr genutzt werden, so soll ständiges Blaumachen mit Krankmeldung per Mausklick verhindert werden. 
WhatsApp als Kommunikationsmedium zwischen Arzt und Patient

Hast du das Formular ausgefüllt, findet die weitere Kommunikation mit einer Arztztin über WhatsApp statt. Der Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messenger-Dienst entspricht den Datenschutz-Grundverordnung (DSGV), weshalb du generell ohne Bedenken persönliche Daten und ein Foto deiner Versicherungskarte an den Mediziner verschicken kannst. So zumindest nach Ansichten des Geschäftsführers von AU-Schein.de.

Nach Prüfung deiner Angaben erhältst du die Krankmeldung zunächst digital, wenige Tage später befindet sich das Original in deinem Briefkasten. Dieses Angebot der Ferndiagnostik ist nur möglich, da sich das sogenannte Fernbehandlungsverbot in den letzten Jahren erheblich gelockert hat. Arbeitgeber und Krankenkassen müssen die Krankschreibung von AU-Schein.de laut Inhaber Ansay anerkennen, selbst wenn diese von einer Privatärztin ohne Kassenzulassung ausgestellt wurde.

Ist die AU per WhatsApp überhaupt erlaubt?

Im vergangenen Jahr wurde das sogenannte Fernbehandlungsverbot gelockert, was sich der Firmengründer zunutze macht. Weiterhin beruft sich das Unternehmen auf die Berufsordnung der Ärztekammer Schleswig-Holstein, welche im Gegensatz zur Muster-Berufsordnung der Bundesärztekammer einen Einsatz der Telemedizin zulasse. 

Die Ärztin, welche die AU-Bescheinigung ausstellt, fährt deshalb täglich von Hamburg über die Landesgrenze nach Schleswig-Holstein, um die Online-Krankmeldung zu bearbeiten. Somit befindet sich das Startup Unternehmen rein rechtlich doch auf der sicheren Seite, oder?

Das Geschäftsmodell in der Kritik

Die Hamburger Ärztekammer betrachtet das Online-Angebot für eine Krankmeldung sehr kritisch und möchte das Geschäftsmodell juristisch prüfen lassen. Viele Institute des Gesundheitswesens begutachten die Geschäftsidee des Hamburger Unternehmers ebenfalls mit Vorsicht und Skepsis, besonders, weil es keinen direkten Kontakt zwischen Patient und Arzt gebe. 

Auch die rechtlichen Grundlagen von der Nutzung des online Angebots und dem Service selbst müssen noch geklärt werden.

Stellt der Arzt die Diagnose oder der Patient selbst?

Fraglich ist, ob mit diesem AU-Service generell von einer medizinischen Arbeitsunfähigkeit gesprochen werden kann. Stellt die Ärztin überhaupt die Diagnose oder führt der Patient diese selbst durch? Fakt ist, dass zwischen einer Fernbehandlung und der Fernausstellung eines Dokuments unterschieden werden muss. 

Eine Krankmeldung via WhatsApp wurde bei der Regelung der Berufsordnung nicht in Betracht gezogen und sollte auch nicht Sinn & Zweck der Lockerung sein. Die Telemedizin soll in Zukunft auf andere Weise ihren Platz in der Gesellschaft finden mit speziellen technischen Lösungen.

Immerhin kann sich der Arzt nicht vom Gegenteil der angegebenen Symptome überzeugen und muss auf die Angaben des Patienten vertrauen. Deshalb kann im eigentlichen Sinne nicht von einer medizinischen Diagnose gesprochen werden. Diese muss jedoch für eine korrekte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorliegen.

Empfehlung: Ist die Krankmeldung via WhatsApp sinnvoll?

Fachpersonen und Mediziner raten von der Diagnostik per WhatsApp ab, besonders auf Grundlage von Äußerungen des Patienten. Weiterhin warnen Spezialisten davor, dass der Arbeitgeber die Krankmeldung ablehnen könnte und nicht anerkennt, auch wenn der Geschäftsführer des Unternehmens das Gegenteil behauptet. 

Niemand weiß genau, wohin dieser online Service für die Krankmeldung to Go führt. Ob das Angebot fürs Blaumachen missbraucht wird, kann nicht gesagt werden. Jedoch ist es schätzungsweise eher schwierig, da eine Krankmeldung neun Euro kostet und das Angebot von AU-Schein.de pro Person maximal zweimal im Jahr genutzt werden kann.

Würdest du das Angebot nutzen und eine reguläre Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sowie Wartezeit beim Arzt für neun Euro gegen Telemedizin eintauschen? Oder bevorzugst du doch die klassische Art und möchtest den Arzt von Angesicht zu Angesicht treffen? 

Fest steht, dass diese Form der Medizin in Zukunft immer präsenter wird und in den Vordergrund rutscht. In Sachen Telemedizin wird sich sicherlich noch einiges tun. Und wer weiß, vielleicht gehört die online Krankschreibung in einigen Jahren zur Routine, wie heute die Bestellung bei einem Onlineversandhaus. 

Bild: Anastasia Klingsiek
Anastasia Klingsiek (27 Artikel) Anastasia Klingsiek hat Germanistische Sprachwissenschaften und Literaturwissenschaften in Paderborn studiert. Während ihres Studiums hat sie bereits in journalistischen Redaktionen als freie Mitarbeiterin gearbeitet. Moderationen, Nachrichten und Artikel: alles kein Problem. Texten war schon immer ihre Leidenschaft. Auf ausbildungsstellen.de ist sie für den Bereich rund um Berufseinstieg, Büroalltag und Work-Life-Balance zuständig. Letzte Artikel
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